Lost Places: KGB-Fleischfabrik Lichtenberg

Sie nennen sich Urban Explorer bzw. Urbexer und suchen nach Lost Places. Der Kick liegt in dem Verbotenen Ihres Tuns und in den Risiken, die das Erkunden verlassener und oftmals baufälliger Gebäude auf eigene Faust mit sich bringt. Sie steigen über Zäune und Mauern, klettern durch Fenster und schleichen über morsche Treppen. Die Fotos solcher Begehungen sind ihre Trophäen.

Für alles offen - Toiletten in der ehemaligen Fleischfabrik
Für alles offen – Toiletten in der ehemaligen Fleischfabrik

Es geht aber auch anders, legal und etwas weniger aufregend, doch nicht minder reizvoll. Denn dass der morbide Charme verlassener, manchmal eben auch vergessener und in der Folge maroder Gebäude und Anlagen eine starke Anziehungskraft ausübt und spannende Motive verspricht, steht außer Frage.

Weniger risikofreudigen Fotografen bieten deshalb spezialisierte Veranstalter organisierte Touren zu und durch solche so genannten Lost Places an. In Berlin hat sich damit vor allem go2know einen Namen gemacht und sein Angebot ständig erweitert.

Laborraum in der ehemaligen Fleischfabrik
Laborraum in der ehemaligen Fleischfabrik

Eine der go2know-Touren führt in die Fleischfabrik nach Lichtenberg. Genau genommen ist es die ehemalige Wurst- und Fleischwarenfabrik der Konsumgenossenschaft Berlin, kurz KGB. Gegründet 1899, wurde sie zu DDR-Zeiten mit rund 285.000 Mitgliedern, über 13.000 Mitarbeitern und mehr als 1.000 Verkaufsstellen zu einer der größten Konsumgenossenschaften der Welt. Nach der Wende brach das Geschäft ein, die Läden wurden geschlossen oder verkauft, die meisten Mitarbeiter verloren ihren Job. 1993 wurde auch die Produktion in Lichtenberg eingestellt und die Betriebsausstattung, soweit sie noch einen Wert besaß, verscherbelt. Seitdem steht der denkmalgeschützte Industriekomplex aus der Nachgründerzeit weitgehend leer.

Räucheröfen in der Fleischfabrik
Räucheröfen in der Fleischfabrik

Es kamen Sprayer, Obdachlose, illegale Partyveranstalter, Vandalen und eben auch die Urbexer. Und alle hinterließen ihre Spuren. Neben den üblichen Schmierereien und Zerstörungen lassen sich auch zahlreiche kunstvolle Graffitis finden.

Die überraschendste Entdeckung macht man jedoch in einem der verwüsteten Büros. Dort liegen neben alten Zeitungen und Fachinformationen auch zahlreiche Personalunterlagen offen herum, Karteikarten und ganze Ordner mit vollständigen persönlichen Daten ehemaliger Mitarbeiter, eingetragenen Fehlzeiten, Urlaub, Krankheiten und so weiter.

Fachinformationen zum Thema Sülzen
Fachinformationen zum Thema Sülzen

Offenbar hat sich nach der Abwicklung des Produktionsbetriebes niemand mehr für Dinge wie Datenschutz und ordnungsgemäße Archivierung zuständig, geschweige denn verantwortlich gefühlt. Das ist umso erstaunlicher, als die Konsumgenossenschaft als Organisation nie liquidiert wurde, ergo immer noch existiert und nach wie vor in dem schmucken, aufwändig sanierten Verwaltungsgebäude vorn an der Josef-Orlopp-Straße residiert. Rein rechtlich wäre also durchaus jemand verantwortlich gewesen.

Personalunterlagen liegen offen herum
Personalunterlagen liegen offen herum

Nach dem Ende des ursprünglichen Handels- und Produktionsbetriebes war die Konsumgenossenschaft Berlin auf das Immobiliengeschäft umgeschwenkt und hatte damit offenbar zeitweilig sogar wieder Gewinne erwirtschaftet. 2003 erfolgte dann trotzdem die Insolvenz, einige Jahre der Unsicherheit und 2007 ein Neustart, der aber bis heute von Querelen, Vorwürfen des Missmanagements und Strafanzeigen gegen den Vorstand begleitet wird. http://konsum-info.de/cms/zeigeBereich/11/konsum-aus-berlin.html

Ordnerweise persönliche Daten ehemaliger Mitarbeiter
Ordnerweise persönliche Daten ehemaliger Mitarbeiter

Übrigens sind weder Konsumgenossenschaften noch Missmanagement eine spezifisch ostdeutsche Angelegenheit. Der Satz „Wir gehen in den Konsum“ war durchaus auch im westlichen Nachkriegsdeutschland geläufig. Viele der Genossenschaften gingen allerdings schon in den 1960er und 70er Jahren in der co op AG auf, welche später durch kriminelle Machenschaften des Vorstands um Bernd Otto in die Schlagzeilen geriet, insolvent wurde und heute nur noch in Fragmenten existiert (Sky, Plaza). Die Reste gingen im späteren Metro-Konzern auf.

Blick in ein Büro
Blick in ein Büro

Aber zurück zur Konsumgenossenschaft Berlin. Das hinter dem repräsentativen Verwaltungsgebäude liegende Betriebsgelände mit den ehemaligen Produktionsstätten ist mittlerweile verpachtet und soll als „Location für Foto, Film, Kunst, Kultur, Streetart, Musik, Theater“ vermarktet werden. Abgesehen von einem temporären Techno-Club im Erdgeschoss des Hauptgebäudes ist augenscheinlich aber noch nicht viel passiert. Ein schlüssiges Konzept oder nennenswerte Investitionen sind nicht erkennbar und dürften angesichts der Größe und des Zustands der Gebäude auch eine echte Herausforderung darstellen.

Bäckerei: Hier standen mal Maschinen und Anlagen
Bäckerei: Hier standen mal Maschinen und Anlagen

Und so wird die Fleischfabrik interessierten Fotografen wohl noch länger als legal und risikolos begehbarer „Lost Place“ zur Verfügung stehen. go2know bietet auch 2014 mehrere Termine für 4- bis 5-stündige Touren an. Nach einer Einweisung können sich die Teilnehmer völlig frei auf dem Gelände bewegen und nach Herzenslust fotografieren. Zu entdecken gibt es genug, und bei der Weitläufigkeit der Gebäude und der Vielzahl an Räumen kommen sie sich gegenseitig kaum in die Quere. Es kann im Gegenteil passieren, dass man mehrere Stunden lang überhaupt keiner Menschenseele begegnet, wenn man es nicht darauf anlegt. An Ausrüstung ist erlaubt, was man selbst tragen kann, die Fotos dürfen allerdings nicht kommerziell genutzt werden.

Für Freunde der gepflegten „Urban Exploration“ also eine absolute Empfehlung. Die seltsamen Umstände und die bewegte Geschichte der KGB mögen es für den einen oder anderen ja sogar noch reizvoller machen.

Hier noch weitere Impressionen aus der ehemaligen Fleischfabrik:

Anmerkung: Alle Fotos wurden bei einer früheren, von go2know organisierten Tour mit einer Lumix LX5 ohne Stativ, Blitz oder sonstigen Schnickschnack gemacht.