Carl Schurz: Vom Rebell zum Staatsmann

Wer als Spandauer „in die Stadt“ geht, sei es zum Shoppen, zur Bücherei, ins Rathaus, Kino oder Theater, der kommt nicht an ihr vorbei. Sie ist Einkaufs-, Flanier- und Festmeile, Veranstaltungsort von Kultur-Events, Wochen- und Weihnachtsmärkten, verkehrsberuhigte Hauptschlagader des kulturellen und kommerziellen Lebens.

Kurzum: Die Carl-Schurz-Straße kennt in Spandau jeder.

Carl-Schurz-Straße in Spandau, Blickrichtung Norden
Carl-Schurz-Straße in Spandau, Blickrichtung Norden

Fragt man aber nach dem Namensgeber, zucken viele Spandauer mit den Schultern. Carl Schurz? Hm, warten Sie mal … Ein ehemaliger Bürgermeister? Preußischer General? Nee, irgendwas mit Amerika – oder? Ja, letzteres kommt der Sache schon näher.

Zugegeben, viel mehr hätte ich so ad hoc auch nicht über Carl Schurz sagen können: Ein Deutscher, der nach Amerika ausgewandert ist und dort Karriere in der Politik gemacht hat. Irgendwann mal nachgelesen – und das meiste wieder vergessen.

Gestern erschien auf SPIEGEL online ein Beitrag aus dem Sonderheft „SPIEGEL Geschichte“ zum Thema „Die Revolution von 1848 – als Deutschland die Freiheit entdeckte“. Der Artikel erinnert daran, wie spannend und außergewöhnlich die Lebensgeschichte des Carl Schurz tatsächlich war.

Staatsmann: Carl Schurz auf einer Briefmarke (Quelle: Wikipedia; gemeinfrei)
Staatsmann: Carl Schurz auf einer Briefmarke (Quelle: Wikipedia; gemeinfrei)

Hier die Kurzversion: Geboren 1829 im rheinischen Liblar, Studium der Philologie und Geschichte in Bonn, Mitglied der radikaldemokratischen Bewegung und aktiver Teilnehmer der März-Revolution 1849, als solcher inhaftiert, abenteuerliche Flucht mit anschließendem Exil in Frankreich, der Schweiz und England. 1852 Überfahrt in die Vereinigten Staaten von Amerika, dort Tätigkeit als Landverkäufer, Eintritt in die Republikanische Partei, schneller Aufstieg zum Wahlhelfer und Vertrauten Abraham Lincolns und von diesem 1860 als Botschafter nach Spanien entsandt. Zwei Jahre später Rückkehr und Teilnahme als hochrangiger Offizier der Unionstruppen am amerikanischen Bürgerkrieg, später Senator, Herausgeber mehrerer Tageszeitungen und 1877, als Krönung seiner politischen Laufbahn, die Ernennung zum Innenminister der Vereinigten Staaten durch Präsident Rutherford B. Hayes.

Puh. Ganz schön viel für ein einziges Leben. Und das ist schon die gekürzte Version! Was unter anderem noch fehlt, ist der örtliche Bezug. Denn im Gegensatz zu einigen anderen Städten, die eine Straße nach Carl Schurz benannt haben, gibt es zu Spandau tatsächlich eine direkte Verbindung:

Schurz war 1850 nämlich auch Drahtzieher der Befreiung seines Freundes und Mentors aus Bonner Zeiten, Professor Gottfried Kinkel, aus dem hiesigen Zuchthaus im ehemaligen Lynar-Schloss in der heutigen Altstadt (nicht zu verwechseln mit dem späteren Kriegsverbrechergefängnis in der Wilhelmstadt). Dafür war er unter hohem Risiko aus dem Exil kurzzeitig nach Deutschland zurückgekehrt. Nach der geglückten Aktion flüchteten Schurz und Kinkel gemeinsam über Warnemünde per Schiff nach Schottland und von dort nach Paris.

Carl-Schurz-Straße, Höhe Markt, Blickrichtung Norden
Carl-Schurz-Straße, Höhe Markt, Blickrichtung Norden

Reichlich Stoff also für einen oder sogar mehrere Abenteuerromane. Erstaunlich, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, die fast unglaubliche Lebensgeschichte Carl Schurz’ zu verfilmen. Hallo, Hollywood!? Ihr sucht doch immer nach spannenden Geschichten …

Ich werde jedenfalls daran denken, wenn ich das nächste Mal über die Carl-Schurz-Straße gehe. Hier noch einige Impressionen:

Weitere Infos

Der erwähnte SPON-Artikel konzentriert sich auf den ersten Teil der Geschichte um die Revolution 1848/49, weitergehende Informationen findet man wie so oft auf Wikipedia.

Außerdem gibt es ein Sachbuch von Marianne und Otto Draeger, das die Geschichte von Carl Schurz erzählt, aber wohl leider nicht mehr lieferbar ist, weder in gedruckter noch in digitaler Ausführung.