Lasst Blumen sprechen! Ein Plädoyer.

Zugegeben, ich habe selbst schon mehrere Hobbyfotograf(inn)en lautlos aus meinen Social-Media-Kreisen entfernt, weil sie mir mit ihren stündlich geposteten 3K-Bildern – Kinder, Katzen, Krokusse – den Stream zugemüllt haben. Aber das war für mich eher ein quantitatives Problem, keine Frage des Prinzips oder des künstlerischen Anspruchs. Ich käme jedenfalls nicht auf die Idee, irgendwelche Motive per se für unerwünscht oder fotografisch irrelevant zu erklären. Mit welchem Recht? Und mit welcher Begründung?

Meine Lieblingsblume: Löwenzahn kurz vor dem Verfallsdatum.
Meine Lieblingsblume: Löwenzahn kurz vor dem Verfallsdatum.

Andere sind da weniger zurückhaltend. Emilio Paolini zum Beispiel. In seinem Blog Urban Thinking erklärt er die Blume an sich quasi zum Imago non grata, zu einem Motiv, dass man auf keinen Fall veröffentlichen sollte, wenn man zum erlauchten Kreis der wahren Könner gezählt werden will.

I’m a Loser

Seine Begründung fasse ich mal wie folgt zusammen: Blumen sind von Hause aus perfekt. Im Detail aber nicht perfekt genug. Und wenn doch, dann sind sie trotzdem irgendwie doof. Weil sie ja überall rumstehen. Und überhaupt:

[…] wer es nicht schafft, von einer perfekten Blume ein halbwegs anständiges Bild zu machen, hat ohnehin ganz andere Probleme … 😛

Kurzum: Blumen sind was für Loser. Sagt Scott Kelby auch. Und der muss es wissen:

Scott Kelby (Fotobuchautor, Fotograf, Fotografie-Dozent) zählt Blumen sogar zu einem von fünf Motiven, die man *niemals* in seinem Portfolio haben sollte (The Five Images You Should NEVER Have In Your Portfolio).

Hier wäre dann die vollständige Liste:

– Katzen (Katzen sind klasse für Facebook)
– Obdachlose Menschen
– Tote (laublose) Bäume oder Baumstümpfe
– Irgendwas oder irgendwen auf Schienen/Bahngleisen.
– Blumen

Gut, dass es mal einer sagt. Ich würde die Liste der Motive, die man nie, nie – niemals! – veröffentlichen sollte, wenn man zu den wahren Könnern gehören will, noch wie folgt ergänzen:

  • Menschen (7 Mrd. Exemplare, und nicht eines makellos)
  • Häuser (stehen doch auch massenhaft an jeder Ecke)
  • Street-Fotos (an Cartier-Bresson kommst du sowieso nicht ran)

Total angesagt hingegen: Das Bermuda-Dreieck, auf den Polkappen tanzende Eisbären und handgearbeitete Werkzeuge indigener Völker aus den Urwäldern des Amazonasbeckens. Dann mal los …

Toter Baum am Strand von Rügen
Toter Baum am Strand von Rügen

Im Ernst: Was soll dieser kleinkarierte, pseudo-elitäre Unsinn? Okay, Scott Kelby ist sehr erfolgreicher Autor zahlreicher unzähliger Bücher zu den Themen Digitalfotografie und Bildbearbeitung. Das Schwadronieren und Polarisieren ist Teil seines sehr einträglichen Geschäftsmodells. Wahrscheinlich hatte er, als er das sagte, in den Tagen zuvor gerade besonders viele Bilder von Katzen und toten Bäume gesehen. Irgendwann, wenn diese Geschichte vergessen ist, wird er vielleicht sagen, dass Fotos von Hunden und lebenden Bäumen total out sind.

Was machen dann Leute wie Emilio Paolini, die sich ihr fotografisches Weltbild aus den Statements ihrer Idole zurechtzimmern? Ob sie sofort ihre Archive und Websites nach kompromittierendem Material durchforsten und gegebenenfalls alle Spuren beseitigen? Konsequent wär’s.

Geschmack ist kein Kriterium

Wobei: Man kann Bilder von Blumen, Sonnenuntergängen oder Kaffeetassen ja durchaus doof, langweilig oder überflüssig finden. Und das auch sagen. Die Meinungen und Geschmäcker sind eben verschieden. Ich zum Beispiel finde die meisten so genannten „HDR-Fotos“ grauenhaft. Aber ich mache aus meiner persönlichen Abneigung keinen allgemeingültigen Grundsatz: „HDR verboten! Zuwiderhandlungen werden mit fotografischer Verachtung und Degradierung zum blutigen Anfänger gestraft!“ Wie käme ich dazu? HDR an sich ist prinzipiell ja durchaus eine sinnvolle Technologie. Genau so, wie Blumen in ihrer Einzigartigkeit und ästhetischen Vielfalt prinzipiell sehr attraktive Fotomotive sind.

Die Steigerung: Tote Blumen!
Die Steigerung zu Blumen und toten Bäumen: Tote Blumen!

Nun ist es nicht so, dass ich ein besonderes Faible für Katzen- oder Blumenfotografie hätte. Einen toten Baum musste ich auch lange in meinem Archiv suchen. Und zum Thema „Irgendwas auf Schienen“ – ich nehme an, Züge waren nicht gemeint – bin ich überhaupt nicht fündig geworden. Aber all das sind Dinge, die mir im wahren Leben begegnen können. Und wenn ich ein attraktives/interessantes/originelles Motiv darin sehe, dann fotografiere ich es. Punkt.

Ich habe es einfach satt, dass mir ständig irgendwelche „Experten“ sagen wollen, welche Bücher ich lesen, welche Musik ich hören und welche Gerichte ich kochen soll, um in, hipp oder zumindest kein Kulturbanause zu sein. Und seit ich digital fotografiere, lese ich in Foren und Communities, welche Ausrüstung man haben muss (die teuerste!), wie man vorgehen soll (so, und nur so!) und was man fotografieren darf (auf keinen Fall dies und jenes!) – alles andere sei „unprofessionell“. Ich kann es einfach nicht mehr hören.

Es liegt am Fotograf, nicht am Motiv

Apropos professionell: Ich teile auch Emilios fachliche Einschätzung nicht, dass es simpel sei, Blumen zu fotografieren. Im Gegenteil: Ich finde es sogar ausgesprochen schwierig, eine (oder mehrere) Blumen in ihrem natürlichen Umfeld attraktiv abzubilden und gleichzeitig daraus hervorzuheben. Und es ist mir auch noch kein wirklich großartiges Blumenfoto gelungen. Das gilt allerdings ebenso für Hunde, Häuser, Bäume und tausend anderen Dinge, die ich gerne mal fotografiere. Was aber nicht an den Motiven liegt, sondern an mir. Der prinzipielle Unterschied, der – unabhängig von der Qualität – das eine Motiv (Haus) relevant und das andere (Blume) nicht-relevant macht, will sich mir beim besten Willen nicht erschließen.

Die Katze im Sack.
Da isse: Die Katze im Sack.

Und da ich ja nun auch beruflich seit vielen Jahren immer wieder mit der Bestimmung von Motiven, der Auswahl und Bewertung von Bildern sowie gelegentlich auch mit Fotografen selbst zu tun habe, kann ich sagen: Echte Profis, also Leute, die seit vielen Jahren erfolgreich mit Fotografie ihren Lebensunterhalt verdienen, interessieren sich nicht die Bohne dafür, was Scott Kelby oder sonstwer an Motiven erlaubt oder nicht erlaubt. Da zählt allein das Ergebnis.

Klar, wer sich auf Portrait-, Sport- oder Modefotografie spezialisiert hat, wird das nicht mit Fotos von Blumen, Katzen oder toten Bäumen bewerben. Logisch.  Genauso, wie ein Jazz-Musiker seine Darbietungen nicht mit Rock-’n’-Roll-Klängen promoten wird. Aber das ist dann eine pragmatische Entscheidung, keine ideologische.

Mach, was du willst

Allein aus dem Genre, Stück oder Motiv auf die Relevanz eines Werkes und die Fähigkeiten des Künstlers zu schließen, ist ziemlich absurd. Ein Bekannter von mir, ausgebildeter Pianist und Komponist, hat vor kurzem die deutsche Nationalhymne neu arrangiert, intoniert und nebst Notenheft als Musikstück herausgegeben. Nationalhymne? Pah, laaangweilig. Tausendmal gehört. Loser! Loser? Nein, der Mann kann was, und deshalb ist es ihm egal, ob irgendein selbst ernannter Experte meint, also, Nationalhymne sei für einen echten Könner ja wohl absolut tabu, unter Tschaikowskis Klavierkonzert No. 1 liefe schon mal gar nix, am besten auch noch rückwärts gespielt …

Dabei fällt mir ein: Darf man Blumen eigentlich auch nicht malen? Oder nur nicht fotografieren?

Wenn man also nicht die mega-granatenstarke-noch-nie-da-gewesene Aufnahme von einem der fünf genannten Motive zustande bringt (und wer schafft das schon, schaut einfach mal vorher auf 500px), dann sagt das lediglich aus:

“Ich bin ein Anfänger und habe mir das leichteste und naheliegendste Motiv ausgesucht, was mir auf die schnelle vor die Linse kam.”

Aha. Aber die millionste nicht-mega-granatenstarke-noch-nie-dagewesene Aufnahme vom Brandenburger Tor ist in Ordnung? Hauptsache, es ist keine Blume drauf? Ein schlechtes Architektur-Foto ist „professioneller“ als ein gutes Blumen-Foto?

Blumen, überall Blumen.
Blumen, überall Blumen.

Fazit und Antithese

Ich behaupte einfach mal: Fotografen, die an einem attraktiven Motiv vorbeigehen, weil es irgend jemand für „verboten“ erklärt hat, oder die sich aus demselben Grund nicht trauen, ein entsprechendes Bild zu zeigen, mangelt es schlichtweg an Phantasie und Selbstbewusstsein. Und vielleicht auch an der Leidenschaft, die einen ein Stück weit unabhängig macht von kursierenden Dos and Don’ts.

Oder, um auch mal eine Koryphäe zu zitieren, den kanadischen Naturfotografen Freeman Patterson:

Es gibt nur eine Regel in der Fotografie: Entwickle niemals einen Film in Hühnersuppe.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer einem kleinen Potpourri von Blumen und Katzen.

Was Scott Kelby davon hält? Mir doch egal!