Planespotter wider Willen

Als ich im Spätsommer 2011 von Friedrichshain nach Spandau zog, ging ich wie alle Spandauer davon aus, dass bald Schluss sein würde mit dem Fluglärm. Schließlich war die Eröffnung des tollen neuen Hauptstadtflughafens BER für den 3. Juni des folgenden Jahres terminiert. Und damit einhergehend sollte Tegel endgültig geschlossen werden. Eigentlich. Denn vier Wochen(!) vor dem Termin hieß es: Nee, doch nicht, sorry! Der weitere Verlauf der Geschichte dürfte hinlänglich bekannt sein …

Airbus A319-112, airberlin, D-ABGS
Airbus A319-112, airberlin, D-ABGS

So haben die Spandauer, betroffen sind vor allem die nördlichen Ortsteile Haselhorst, Hakenfelde, die Neustadt und das Falkenhagener Feld, also weiterhin das zweifelhafte Vergnügen, am Luftfahrtgeschehen der Hauptstadt teilnehmen zu können. Immerhin nicht nur akustisch, sondern auch optisch.

Nun bin ich selbst überzeugter Nichtflieger und interessiere mich von Hause aus nicht die Bohne für Flugzeuge. Aber wenn sie schon mal da sind … Und man kann ihnen ja sowieso nicht entgehen. Wenn ich mit geschulterter Kamera in nördlicher Richtung an der Havel entlang spaziere, was relativ häufig vorkommt, dann befinde ich mich nach ein paar hundert Metern automatisch im Bereich der Einflugschneise nach Tegel. Und so habe ich halt das eine oder andere Mal „drauf gehalten“, wenn ich mit Teleobjektiv unterwegs war und quasi direkt vor meiner Nase gerade wieder mal ein Flieger gen Osten zur Landebahn schwebte.

Embraer ERJ-145, Luxair, LX-LGZ
Embraer ERJ-145, Luxair, LX-LGZ

Bei Ostwind verläuft die Landeroute von West nach Ost etwa auf Höhe des alten Strandbades an der Havelschanze. Will man die Flugzeuge „im Profil“ fotografieren, empfiehlt sich als geeigneter Standort beispielsweise die Eiswerderbrücke. Für die rund 300 Meter Distanz genügen 200 bis 300 mm Brennweite (entspr. Kleinbild), es gibt keine störenden Elemente im Vorder- oder Hintergrund, man hat relativ lange Zeit freien Blick auf die Flieger und tagsüber immer die Sonne im Rücken.

Eiswerderbrücke im Sommer 2013
Eiswerderbrücke (Archivbild aus 2013)

Vor einiger Zeit habe ich tatsächlich das erste Mal speziell zu diesem Zweck eine knappe halbe Stunde mit „schussbereiter“ Kamera auf der Brücke gestanden. Das war nicht geplant, bot sich wegen der perfekten Wetterverhältnisse und Lichtbedingungen aber an. Aufgrund des hohen Flugaufkommens in Tegel mit durchschnittlich 480 Flugbewegungen pro Tag hatte ich in diesen dreißig Minuten elf oder zwölf verschiedene Flugzeuge vor der Linse (wobei die Frequenz an manchen Tagen noch deutlich höher ist). In den kurzen Wartezeiten dazwischen habe ich mich einfach umgedreht und das Gesicht in die Sonne gehalten oder die Boote auf der Havel beobachtet. Das konnte man gut aushalten.

Die Perspektive leicht schräg von unten ist zwar belichtungstechnisch nicht optimal, weil der „Bauch“ der Maschine teilweise im Schatten liegt. Da man so insgesamt aber auch mehr vom Flugzeug sieht, finde ich diese Ansicht sogar interessanter, dynamischer. Und bei guter Ausgangsqualität der Bilder lassen sich die Tiefen gut etwas anheben, so dass durchaus auch noch Details erkennbar sind.

Airbus A319-100, Germanwings, D-AGWT
Airbus A319-100, Germanwings, D-AGWT

Apropos Details: Es ist nicht so, dass ich die verschiedenen Flugzeugtypen so ohne weiteres identifizieren könnte. Aber die Bilder sind scharf genug, dass sich in der 1-zu-1-Ansicht die Beschriftung gut erkennen lässt. Manchmal stehen Herstellername und Modellbezeichnung sogar vorne am Bug. Wenn nicht, dann bleibt das offizielle Luftfahrzeug-Kennzeichen, das aus fast jeder Position sichtbar ist und anhand dessen man im Internet schnell auf die Daten der Maschine zugreifen kann.

Quantitativ hat bei den Herstellern ganz klar Airbus die Nase vorn, in einigem Abstand gefolgt von Boeing, was in etwa wohl auch die tatsächlichen Marktanteile widerspiegelt. Ab und zu sieht man aber auch eine Maschine des brasilianischen Flugzeugbauers Embraer, airberlin hat zudem einige ältere Propellermaschinen des nicht mehr existierenden Herstellers De Havilland Canada (DHC) in Betrieb.

DHC-8-402Q, airberlin, D-ABQB
DHC-8-402Q, airberlin, D-ABQB

airberlin dominiert auch bei den Fluggesellschaften das Bild. Gefühlt ist mindestens die Hälfte der Maschinen in der markant roten Farbe lackiert. Kein Wunder, denn Tegel ist ja Heimatflughafen der Air Berlin PLC & Co. Luftverkehrs KG, wie sie offiziell heißt. Auch Lufthansa-Maschinen sieht man häufiger, ansonsten ist es international relativ breit gestreut: Von Ukraine International über Luxair und Air France bis zu Qatar Airways. Ferienflieger der Billig-Airlines wie Vueling (Spanien) oder SunExpress (Türkei) sind auch gelegentlich zu sehen, starten aber wohl mehrheitlich von Schönefeld.

Gemacht wurden die Bilder ausnahmslos mit dem Nikkor AF-S 55-200/4-5.6 an einer Nikon D5100 mit APS-C-Sensor (Cropfaktor 1,5). Der Straßenpreis des Objektivs in der VR-Version (mit Bildstabilisator) liegt deutlich unter 200 Euro, aber wie man sieht, produziert es bei guten Lichtverhältnissen knackscharfe Bilder. Auf einem ist sogar gut der Copilot zu erkennen, wie er gerade nach rechts aus dem Fenster auf mich herabschaut. Da ich aber die Kamera im Anschlag hatte, konnte ich ihm leider nicht zuwinken …

Embraer ERJ-190, Ukraine International, UR-EME
Embraer ERJ-190, Ukraine International, UR-EME

Die Fotos sind alle beschnitten, haben aber immer noch 6 bis 14 Megapixel (von ursprünglich 16). Bei der Nachbearbeitung mit Lightroom habe ich mich auf grundlegende Arbeitsschritte beschränkt: Tiefen anheben, Kontraste verstärken und leicht nachschärfen. Bei zwei, drei Aufnahmen habe ich zudem das Blau etwas korrigiert. Bei einem Vorher-Nachher-Vergleich in dieser Größe wären mit bloßem Auge aber kaum Unterschiede zu erkennen.

Es muss also nicht immer eine superteure Ausrüstung sein. Unter den beschriebenen Bedingungen würde man wahrscheinlich sogar mit einer dieser kleinsensorigen Superzoom-Bridge- oder Kompaktkameras gute Ergebnisse erzielen.

Airbus A320-200, Lufthansa, D-AIQR
Airbus A320-200, Lufthansa, D-AIQR

Doch zurück nach Spandau. Geht man von der Eiswerderbrücke aus noch weiter am Westufer der Havel entlang, wird der Blickwinkel auf die Flugzeuge merklich steiler, bis dann am ehemaligen Strandbad die Jets direkt über den Kopf hinweg düsen. Je nach Flugzeugtyp sind 200 mm Brennweite dann sogar schon zu viel, wie ich feststellen musste, als ich bei einem spontanen Schnappschuss die Kamera nach oben riss, hastig am Brennweitenring drehte, bei 70 mm aber trotzdem noch die Bugspitze einer relativ großen Maschine abschnitt. Für solche „Bauchfotos“ sollte man sich rechtzeitig in Position bringen und vielleicht auch schon vorfokussieren. Dank des freien Blicks über den See konnte ich die Maschine aber noch eine Weile verfolgen und ein paar Aufnahmen von hinten machen (siehe Titelbild). Leider nicht exakt gerade, dafür hätte ich in dem Moment noch zwanzig, dreißig Meter weiter nördlich stehen müssen, aber so ist das halt bei spontanen Schnappschüssen. Mag sein, dass echte Planespotter da andere Ansprüche haben, aber ich bin ja keiner.

Airbus A330-202, QATAR, A7-ACK
Airbus A330-202, QATAR, A7-ACK

Jedenfalls hat man in Spandau eine Menge Möglichkeiten, Flugzeuge aus den unterschiedlichsten Perspektiven zu sehen und eben auch zu fotografieren. Hören tut man sie sowieso. Und da knapp zwei Jahre nach dem geplanten Eröffnungstermin immer noch nicht absehbar ist, ob und wann der neue Großflughafen doch noch mal den Betrieb aufnimmt, werde ich wohl auch in Zukunft noch den einen oder anderen Schnappschuss von Flugzeugen auf ihrem Weg nach Tegel machen. Obwohl ich gerne darauf verzichtet hätte. Denn interessante Motive gäbe es eigentlich auch so genug.