Low light, no flash

Ich mag keine Blitze. Habe auch noch nie einen besessen. Und gelegentliche Pro-forma-Versuche mit den integrierten Blitzen diverser Kameras haben mich darin bestärkt, grundsätzlich keine zu benutzen. Die Bilder ohne sahen immer besser aus, natürlicher.

Klar, in bestimmten Bereichen geht es nicht ohne, aber da ich Fotografie ja im wesentlichen als Hobby betreibe und nur mir selbst verpflichtet bin, muss ich nicht jedes Genre bedienen, nicht jedes denkbare Foto machen. Technik ist für mich nur Mittel zum Zweck. Und de facto gab es in meinem bisherigen Fotografenleben kaum Situationen, in denen ich mal einen Blitz vermisst hätte.

Agfalux 6874 Fächer-Blitz von 1961/62 (Foto: hajotthu, CC-by-sa)
Agfalux 6874 Fächer-Blitz von 1961/62 (Foto: hajotthu/Wikipedia, Lizenz: CC-BY-3.0)

Am vergangenen Freitag stand ich vor einer solchen Situation. Ich war ich im Westend bei einer Literaturlesung, an der als einer von fünf Autoren auch ein Bekannter von mir mitgewirkt hat. Deshalb wollte ich natürlich ganz gerne ein paar Schnappschüsse machen. Da die Veranstaltung abends stattfand und mit schwierigen Lichtverhältnissen zu rechnen war, hatte ich vorab wohlweislich gleich mein lichtstärkstes Objektiv, das Nikkor AF-S 35/1.8 G aufgeschraubt. Mit offener Blende und hochgedrehter ISO im RAW-Format würde es schon gehen, hoffte ich.

Die Bedingungen waren dann aber noch schwieriger als befürchtet. Einzige Lichtquelle war ein altersschwacher, mittig hängender Kronleuchter, der den schätzungsweise 40 Quadratmeter großen und ziemlich hohen Raum nur moderat aufhellte und eher die Atmosphäre einer Schmuseparty vermittelte: Irgendwie gemütlich, aber für augenintensive Tätigkeiten ziemlich ungeeignet. Nicht mal am Lesepult selbst war eine zusätzliche Lampe angebracht (zum Glück hatten die Autoren gute Augen beziehungsweise Brillen).

Der Autor Amadeus Firgau liest
Amadeus Firgau liest aus seinem Buch Herz und Knie. Auf dem Jakobsweg.

Ich habe mich daraufhin vorab für einen größeren Bildausschnitt entschieden, die Kamera zur Messung mal probeweise Richtung Lesepult gehalten und am ISO-Rad gedreht: Bis auf 3200 musste ich bei Offenblende (1.8) hochgehen, um auf eine annehmbare Belichtungszeit von 1/60 Sekunde zu kommen. Zwar habe ich auch mit doppelt so langer Zeit schon scharfe Aufnahmen gemacht, aber nur von unbeweglichen Objekten. So eine Lesung ist sicher keine Tanzveranstaltung, aber völlig unbeweglich stehen ja auch die vortragenden Autoren nicht da (weshalb übrigens auch ein Bildstabilisator nichts genutzt hätte). Insofern erschien mir die 1/60 als sinnvoller Kompromiss.

Ein weiteres Problem war, dass ich nicht zig Aufnahmen machen konnte. Zum einen, weil ich die Veranstaltung nicht mehr als nötig stören und zum anderen ja auch selbst zuhören wollte. Aufstehen, in Position gehen, fokussieren, schnell zwei, drei mal auslösen und wieder hinsetzen, so lautete der Plan. Gesagt, getan. Natürlich habe ich die Aufnahmen gleich am Display kontrolliert, um sie gegebenenfalls noch mal machen zu können. Das war jedoch nicht nötig. In der vergrößerten Ansicht auf dem Kameradisplay erschienen sie halbwegs scharf.

Amadeus Firgau liest
Noch eine Aufnahme aus dem Hintergrund.

Und auch nach Betrachtung am großen Monitor muss ich sagen: Das Wagnis, komplett auf einen Blitz zu verzichten, hat sich für mich gelohnt. Lichtstimmung und Farben sind sehr natürlich, sicher viel realistischer, als sie mit Aufhellblitz gewesen wären. Bei der Schärfe ist wohl noch Luft nach oben, für großformatige Kunstdrucke sind die Bilder nicht geeignet – waren sie aber auch nie gedacht. Für eine Abbildung im Internet oder auch einen Zeitungsabdruck hingegen würde die Qualität durchaus genügen.

Zum Ende kamen die Autoren noch mal zu einem Gruppenfoto zusammen. Während aus dem Publikum frontal mit Kompaktkameras und Blitz geknipst wurde, hatte ich mich bewusst etwas seitlich positioniert. Um freie „Schussbahn“ zu haben, aber auch, weil mir diese Perspektive einfach besser gefällt. Allerdings machte sich dabei die blendenbedingt geringe Schärfentiefe bemerkbar. Ich hatte in die Mitte, also auf die Frau fokussiert, klar, was dazu führte, dass sich die Person rechts schon außerhalb des zentralen Schärfebereichs befand. Aber den beispielhaft genannten Verwendungszwecken täte wohl selbst das keinen Abbruch. Da habe ich schon wesentlich Schlimmeres gesehen.

Gruppenbild der Autoren
Gruppenbild mit Dame. Hier macht sich die geringe Schärfentiefe bemerkbar.

Fazit

So. Spricht dieses Beispiel nun für oder gegen Blitze? Klare Antwort: Sowohl als auch. Einerseits macht es deutlich, dass man mit einem leistungsstarken Blitz, sofern man damit umgehen kann, hinsichtlich der Motive und Aufnahmesituationen deutlich flexibler und in Sachen Bildqualität auf der sicheren Seite ist. Ein Presse- oder Hochzeitsfotograf wird sich auf Experimente wie meines sicher nicht einlassen. Und auch, wer privat beispielsweise gerne Partyfotos oder Portraits im Gegenlicht macht, wird um einen vernünftigen Aufhellblitz nicht herumkommen.

Andererseits zeigt der Fall aber auch, dass es – einen gößeren, halbwegs rauscharmen Sensor vorausgesetzt – durchaus auch komplett ohne Blitz geht, wenn solche Situationen die Ausnahme sind und es dabei dann nicht auf das letzte Quäntchen Bildqualität ankommt. Ich selbst verspüre jedenfalls derzeit keinerlei Leidensdruck, der mich dazu veranlassen würde, mich intensiv mit dem Thema Blitzen zu beschäftigen.

Wobei das natürlich eine sehr individuelle Entscheidung ist, die von den jeweiligen persönlichen Interessen, Ansprüchen und Erfahrungen abhängt. Dass ein Aufsteckblitz zwingend in jede Fototasche gehöre, wie häufig behauptet wird, halte ich aber für widerlegt. Ich komme seit 14 Jahren gut ohne aus.

PS: Die Bilder wurden alle mit ISO 3200, F/1.8 und 1/60 Sek. im RAW-Format gemacht, in Lightroom entrauscht und nachgeschärft sowie leicht beschnitten. Helligkeit, Farben usw. blieben unangetastet.